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Opferperspektive: Die Verarbeitung traumatisierender Erlebnisse
von Dr. Ursula Gasch

Historischer Abriss kriegsbedingter Traumaforschung

Ausgangspunkt für die kontinuierliche Forschung und Konzeptualisierung der Posttraumatischen Belastungsstörung war der kriegsbedingte traumatische Stress. Man nahm an, dass die bei vielen tausend Veteranen des ersten Weltkriegs beobachteten Symptome wie z.B. Benommenheit und Verwirrung durch die in der Luft explodierenden Geschosse verursacht wurden und bezeichnete dieses Phänomen als Granatenschock.

Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Bezeichnung durch Begriffe wie Gefechtsneurose und Frontmüdigkeit ersetzt. Als Symptome einer Gefechtsneurose galten: Unruhe, Schlaflosigkeit, Aggressionen, Depressionen, Gedächtnisstörungen, Überaktivität des Sympathikus, Alkoholismus, Alpträume, ständige Angst und Misstrauen. Ähnliche Symptommuster waren auch bei zurückgekehrten Internierten zu beobachten. Es herrschte zu dieser Zeit Einigkeit darüber, dass ein prädisponierender Charakter bzw. Persönlichkeitsdefekt eines Menschen die Ursache dafür war, dass ein Mensch Belastungssymptome aufwies, während eine andere Person, die den gleichen Stressoren ausgesetzt war, keinerlei Symptome zeigte.

Der Vietnam-Krieg

Die Berichte über die 3,14 Millionen Vietnam-Veteranen, die in Südostasien zwischen 1964 und 1975 gedient hatten, fielen zunächst sehr günstig aus. Allerdings warnten einige Militärpsychiater davor, die angeblich so niedrige Zahl neuropsychiatrischer Opfer des Vietnam-Krieges als gegeben hinzunehmen. Wie recht er behalten sollte, zeigten nachfolgende Berichte über die Probleme der aus dem Militärdienst Entlassener und die 1984 vom amerikanischen Kongreß veranlaßte und durchgeführte National Vietnam Veterans Readjustment Study. Diese Studie war die erste umfassende Untersuchung der sozialen und psychischen Folgen der Beteiligung eines Landes an einem Krieg und ermittelte einen wesentlich höheren Anteil an Betroffenen der Posttraumatischen Belastungsstörung als zunächst erwartet worden war. 15,2 % der Heimkehrer erfüllten sämtliche Voraussetzungen einer PTBS. Weitere 11,2 % litten an einer subsyndromalen Form der PTBS. Viele Veteranen litten unter dieser weit reichenden und lang anhaltenden Symptomatik, die Horowitz und Solomon (1975) damals als verzögertes Streßreaktionssyndrom bezeichneten.

Beschreibung des Störungsbildes und Diagnostik

Von Beginn und Dauer der Störungen abgesehen sind die Akute und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nahezu identisch und umfassen erfahrungsgemäß Symptome, die sich in folgende Kategorien einteilen lassen:

  • Ständiges Wiedererleben des Ereignisses (Intrusion)

  • Dies kann auf verschiedene Arten geschehen. Meist hat die Person wiederholte und aufdringliche Erinnerungen an das Ereignis oder quälende Träume, in denen das Ereignis nachgespielt wird. Die Konfrontation mit Reizen, die an das Trauma erinnern oder es symbolisieren, geht mit intensivem Leid oder physiologischen Reaktionen einher.

  • Vermeidung

  • In der Regel versucht die betroffene Person dann, Aktivitäten und Situationen, die an das traumatische Ereignis erinnern, zu vermeiden. Damit verbundene Gedanken, Gefühle und Gespräche werden unterdrückt. Notfalls mittels aktiver Strategien wie beispielsweise Medikamenteneinnahme, Drogenkonsum und extremen Risikoverhalten.

  • Dissoziative Symptome und eingeschränkte Reagibilität

  • Kennzeichnend ist auch eine reduzierte Reaktionsfähigkeit auf die Außenwelt, die als psychische Erstarrung oder emotionale Anästhesie bezeichnet wird. Die Person verliert das Interesse an Aktivitäten, die ihr zuvor Freude machten. Die Fähigkeit, Gefühle wie Vertraulichkeit, Zärtlichkeit und Sexualität zu erleben, ist häufig gemindert. Zusätzlich können Anzeichen von Dissoziation auftreten: Personen haben das Gefühl, die Umgebung, der eigene Körper oder Gedanken seien unwirklich und fremd. Sie haben das Gefühl, sich in einer Art Trance zu befinden.

  • Übererregtheit und beklemmende Gefühle

  • Die Person verspürt große Unruhe (Hypervigilanz) und neigt zu übertriebenen Schreckreaktionen auf Reize, die zuvor kaum Reaktionen verursachten (z.B. eine Tür, die zufällt). Weitere Merkmale sind Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten.

  • Schuldgefühle

  • In diesen Bereich fällt das Gefühl Schuld daran zu sein, das betreffende schreckliche Ereignis nicht verhindert haben zu können. Oft grübeln die Betroffenen lange darüber, ob sie in der Situation nicht mehr hätten tun können. Bei einigen Menschen geht dieses Gefühl z.B. nach schweren Unfällen so weit, dass sie sich schuldig fühlen, am Leben geblieben zu sein, während ein anderer Mensch sterben mußte.

    Komorbidität

    Personen mit PTBS-Diagnose erfüllen in der Regel auch Diagnosekriterien anderer psychischer Störungsbilder. In der Studie von Kessler wiesen 80% der Personen, die an PTBS erkrankt waren, die Kriterien für mindestens ein weiteres Störungsbild auf. 50% der Patienten erhielten neben der PTBS-Diagnose weitere drei oder mehr psychiatrische Diagnosen, 17% weitere zwei und 16% eine weitere Diagnose. Eine hohe Komorbidität weist PTBS mit affektiven Störungen, anderen Angststörungen, Substanzmissbrauch, antisozialer Persönlichkeitsstörung, Somatisierung und dissoziativen Störungen auf.

    Neben dem zusätzlichen Vorliegen weiterer - als klinisch relevant definierter - Krankheitsbilder gibt es aber noch andere weit reichende Probleme, die im Zusammenhang mit einer PTBS stehen können, wie beispielsweise Ehe-/ Partnerprobleme. Carroll (1985) untersuchte weiterhin den Zusammenhang zwischen PTBS und dem Einfluß auf die Intimbeziehung bei Vietnam-Veteranen. Sie fand heraus, dass Personen mit PTBS-Diagnose deutlich mehr Probleme hinsichtlich ihrer Kommunikations- und Konfliktfähigkeit mit dem Partner hatten und auch wesentlich öfter körperliche gewalttätig gegenüber ihrem Partner wurden als symptomfreie Personen. Die generelle Wechselbeziehung von PTBS und Ärgerkontrolle wird durch weitere Studien belegt.

    Theoretisches Modell für die Entstehung und Aufrechterhaltung der PTBS: Das Phasenmodell von Horowitz

    Horowitz postuliert eine festgelegte, universelle und phasische Abfolge von Reaktionen auf ein traumatisierendes Erlebnis. Die Reaktionen eines Individuums auf ein traumatisierendes Ereignis hin variieren zwar über die Zeit hinweg. Jedoch lassen sich aufgrund formaler Eigenschaften verschiedene Phasen identifizieren, die regelmäßig bei den Betroffenen auftauchen. Dies ermöglicht eine Verallgemeinerung über verschiedene Typen belastender oder traumatisierender Ereignisse hinweg. Folgende Phasen kennzeichnen die typische bzw. normale Antwort auf ein traumatisierendes Erlebnis:

    Aufschrei

    Die unmittelbare und reflexhafte emotionale Reaktion auf ein ernstes Ereignis hin ist der sogenannte Aufschrei. Diese Phase findet in für andere sichtbaren und unsichtbaren Verhaltensweisen Ausdruck: Während eine Person ein "Oh Gott!" oder "Das darf nicht wahr sein!" ausstößt, äußert eine andere Person nur Schluchzen oder merkt, wie ihr die Tränen in die Augen steigen. Wieder andere Personen zeigen nach außen weiterhin unverändert ein gut moduliertes Verhalten mit unauffälliger emotionaler Ausdrucksweise. Dies sind oft Personen, von denen erwartet wird, auch unter sehr belastenden Bedingungen ihre Pflicht zu tun und Haltung zu bewahren. Ein Beispiel ist der Polizist, der am Unfallort mit Schwerverletzten seit einer ihm endlos erscheinenden Zeit auf das Eintreffen der Sanitäter wartet. Aber in dem Moment, wo die Zurückhaltung nicht mehr notwendig und die Routine erledigt ist, wenn der Beamte später allein ist, sich zu entspannen beginnt und sein in der Ausbildung meist gut antrainiertes Notfallprogramm automatisch herunterfährt, setzen unwillkürlich andere Mechanismen ein, die sich in zwei prädominanten, meist abwechselnden Geisteszuständen manifestieren. Vermeidung und Intrusion:

    Vermeidung

    Der Zustand der Vermeidung bezieht sich auf das Abblocken des Ereignisses. Gedanken daran werden vermieden, der Tagesablauf wird so strukturiert, als sei nichts geschehen. Es kommt vor, dass die Person nicht in der Lage ist, sich adäquat auf neue Stimuli einzustellen und zwanghaft an Aufgaben klebt, die vor dem drastischen Erlebnis und der damit einher gehenden neuen Lebenssituation wichtig waren. Insbesondere Menschen, deren Berufsbild großteils von Routine und Rastern bestimmt ist, funktionieren in ihrer Arbeitsumgebung weiterhin einwandfrei und unauffällig - fast schon automatisch.

    Intrusion

    Der intrusive Zustand ist durch eine zeitweise permanente Überflutung mit ungewollten Gedanken und Gefühlswallungen, die mit dem belastenden Ereignis zusammenhängen, statt. Solche ungewollten Bilder und flashbacks treten meistens auf, wenn die Person sich zu entspannen beginnt. Weiteres Kennzeichen ist die anhaltende und erhöhte Wachsamkeit der Person gegenüber Umgebungsreizen, die auf eine Bedrohung hinweisen könnten.

    Arbeitsphase

    Die Arbeitsphase bezeichnet den Prozess, in dem sich eine Person der Realität und dem, was passiert ist, stellt. Es findet eine aktive Auseinandersetzung mit den unangenehmen Gedanken und Gefühlen während der intrusiven Phasen und dem (auslösenden) belastenden Ereignis selbst statt. Die Arbeitsphase ist aber durch einen fortwährenden Prozess der Oszillation zwischen Intrusion und Vermeidung gekennzeichnet. D.h. die Informationsverarbeitung findet sukzessive und in für die jeweilige Person tolerablen Dosen statt. Den Symptomen von Vermeidung und Intrusion werden aber über die Zeit Stück für Stück die Spitzen genommen. Dies gilt als Hinweis für ein sich allmählich wieder einstellendes psychisches Gleichgewicht.

    Abschluss

    Dies ist weniger eine Phase als ein Meilenstein. Er markiert das relative Ende der aktivsten Verarbeitungsphase des fraglichen Ereignisses. Die Integration des traumatisierenden Geschehens in das Leben der betroffenen Person ist relativ zu betrachten, da mit dem Ereignis zusammenhängende Erinnerungen niemals vergessen werden können. Dennoch verdient dieser Punkt der Erwähnung, da erst eine in sich wieder ruhende Person in der Lage ist, ihr Leben frei zu gestalten.

    Es bleiben nun noch folgende entscheidende Fragen offen:
    1. Wie kommt es, dass plötzlich Streßreaktionen auftauchen, obwohl das Ereignis schon lange zurückliegt?
    2. Wieso wechseln sich Phasen von Vermeidung und Intrusion ab?
    3. Wie und wann kommt es zum endgültigen Abbruch der Phasen?

    Die aktuelle Annahme fußt auf einem kognitionspsychologischen Ansatz. Die Tendenz zur Vervollständigung wird dabei als spezifische Komponente des Kognitionsprozesses betrachtet. Das traumatisierende Erlebnis ist eine Erfahrung, die nicht mit vorhandenen Schemata oder mentalen Modellen der betroffenen Person in Einklang zu bringen ist. Das Trauma hinterläßt eine Art unbeendete Aufgabe. Im Sinne des Zeigarnik-Effekts erweckt die unbeendete Aufgabe den Wunsch, die Aufgabe mit den zur Verfügung stehenden kognitiven Mitteln abzuschließen. Ist eine neue Erfahrung völlig unvereinbar mit dem bestehenden Modell, kann es zu einem Kollaps des bisherigen Modells kommen. Im Geiste wird die Informationsverarbeitung deshalb solange fortführt, bis inneres Schema und äußere Realität in Einklang stehen. Im Detail sieht das folgendermaßen aus:

    Der erste Verarbeitungsschritt eines extremen Ereignisses besteht in der schnellen Bewertung, wie man am besten damit umgeht. Die emotionale Qualität des Ereignisses ist aber möglicherweise für eine Person überwältigend. Das menschliche Gehirn reagiert dann wie eine Sicherung und schützt sich, indem es zunächst die Aufnahme neuer Informationen völlig abblockt; nur die in der Situation zum Überleben wichtigsten Funktionen sind abrufbar. D.h. um Informationsflut und -verarbeitung abzuwehren, weil dies im Moment schädlich wäre, tritt Vermeidung ein. Um das innere Modell anzugleichen benötigt die Person aber gleichzeitig viele Informationen und den Prozess der Informationsverarbeitung. Differenziertes Denken und Gedächtnis - also genau die Prozesse, die abgedämpft sind - müssen dazu nun wieder aktiviert werden. Eine komplette Angleichung kann deshalb nicht sofort stattfinden. Dieses Dilemma reguliert der Organismus über kleine -individuell unterschiedliche- Dosen der Anpassung. Diese Dosen der Anpassung erleben die Betroffenen als sich abwechselnde Phasen von Vermeidung und Intrusion. Ein zu hohes Maß an Kontrolle des hemmenden Systems kann den Anpassungsprozeß unterbrechen. Ist jemand sehr kontrolliert, führt dies zu einer langen Vermeidungsphase. Gelingt auf der anderen Seite die Kontrolle in Form einer vorläufigen Vermeidungsphase nicht, hält die Alarmphase an (z.B. in anhaltenden panikartigen Zuständen) oder die Person geht sofort in einen intrusiven Zustand über. Jede Feststellung einer Diskrepanz zwischen der Realität und dem inneren Schema kann emotionale Reaktionen auslösen, die individuell so schmerzlich sein können, dass die Informationsverarbeitung den Prozess der Integration an der persönlichen Schmerzgrenze abbricht. Auf eine Phase der Intrusion kann also durchaus wieder eine Phase der Vermeidung folgen. Die Verarbeitung wird erst fortgesetzt (Aufhebung der Vermeidung), wenn die Person wieder dazu bereit ist. Dieses Wechselbad setzt sich solange fort, bis die mentale Geschlossenheit wiederhergestellt ist. Bei einigen Menschen kann dies in wenigen Tagen oder Wochen geschehen, bei anderen ein Leben lang andauern.

    Das wirft die Frage auf, wann Reaktionen als abweichend bzw. pathologisch einzustufen sind. Laut Horowitz ergeben sich Symptome der PTBS aus einer Intensivierung, Verlängerung oder Blockierung der normalen Reaktionen.

    Pathologische Vermeidung ist durch ein Übermaß an Vermeidung gekennzeichnet. Die Person setzt sich nicht mit den Stressoren auseinander und greift möglicherweise sogar zu Gegenmaßnahmen wie Drogen, um jeden Versuch der aktiven Auseinandersetzung im Keim zu ersticken. Eine andere beliebte Ablenkungsstrategie sind beispielsweise Extremsportarten. Aber auch die Phase der Intrusion kann pathologische Züge annehmen, wenn die quälenden Bilder und Gedanken, Alpträume, Angstgefühle etc. nicht mehr aufhören wollen. Diese ständige Übererregung kann zu einem physiologischen Erschöpfungszustand führen. Der Körper reagiert mit psychosomatischen Korrelaten, wenn die Integration des traumatisierenden Ereignisses in die Realität während der Arbeitsphase nicht zunehmend besser gelingt bzw. sich keine Lösung für die Person abzeichnet. Kann die Person ihren inneren Frieden nicht wieder erlangen, führt dies zu Langzeitstörungen im Bereich der Liebes- und Arbeitsfähigkeit.

    Diagnostik

    Zur Erfassung von Traumata und ihren Auswirkungen sind insbesondere im amerikanischen Sprachraum einige psychometrische Verfahren und strukturierte Interviews entwickelt worden. Zu erwähnen sind die Impact of Event Scale (IES) [Horowitz 1979] und das Strukturierte klinische Interview zum PTSD-Modul des DSM (SCID) [Spitzer & Williams 1987]. Im deutschen Sprachraum hervorzuheben sind die deutsche Fassung der revidierten Form der Impact of Event Scale von Maercker und Schützwohl (1998) und das Kölner Traumainventar (KTI). Ein Instrument, das Aufschluss über spezifische Verarbeitungsprozesse und Traumaverläufe gibt, ist die Skala zur Erfassung der Wirkung traumatisierender Ereignisse, SEWET [Gasch 2000].

    Außerdem liegen folgende strukturierte klinische Interviews vor:

    Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen (DIPS) [Margraf et al. 1994]

    Münchner Composite International Diagnostic Interview, M-CID} [Wittchen et al. 1996] Clinician-Administered PTSD Scale (CAPS) [Nyberg & Frommberger, 1997]

    Intervention

    Präventive Intervention

    Eine verbreitete Form ist das Debriefing. Typischerweise besteht ein Debriefing aus einer einzelnen Gruppensitzung, möglichst innerhalb 24 bis 72 Stunden nach einem Unglück. Opfern und Rettungskräften wird die Möglichkeit gegeben, in Kleingruppen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Darüber hinaus werden ihnen Informationen über mögliche psychische Auswirkungen eines Traumas vermittelt. Die Grundannahme des Debriefing basiert auf dem psychoanalytischen Gedanken der Katharsis, daß das Sprechen über das traumatische Ereignis einen Abbau innerer psychischer Spannungen bewirkt, so dass eine posttraumatische Streßsymptombildung verhindert wird.

    Während die Debriefing-Euphorie ungebrochen scheint und die Popularität weiter steigt, sind den Forschern mittlerweile manifeste Zweifel zur Effektivität der Technik gekommen. Carlier gibt einen detaillierten Überblick zu Debriefingstudien und zeigt, dass Debriefing nicht nur die in die Methode gesetzte Erwartung nicht erfüllt, sondern darüber hinaus ernsthafte Risiken für eine Symptomverschlechterung bei den Betroffenen birgt. Insbesondere Betroffene, die angeben, von dem Debriefing subjektiv profitiert und die Intervention als hilfreich erlebt zu haben, scheinen besonders geeignet, verglichen mit Nichtbehandelten, posttraumatische Symptome zu entwickeln.

    Traumatherapie

    Alle Modelle zur Ätiologie der PTBS sind sich in dem Punkt einig, dass der Vermeidung traumabezogener Stimuli eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung der Störung zukommt und das aktive Bemühen um Vermeidung eine hilfreiche Konfrontation mit dem traumatisierenden Erlebnis verhindert. Kernelement aller Interventionsvorschläge ist daher die dosierte Konfrontation mit traumabezogenen Reizen. Die Traumatherapie sollte dabei erst dann einsetzen, wenn die betroffene Person sich von der direkten Einwirkung der traumatischen Situation zu erholen beginnt. Ziel der Therapie ist es, den Erholungsprozeß und die Traumaverarbeitung gleichermaßen zu unterstützen.

    Von der Vielzahl der zur Behandlung von PTB beschriebenen Interventionsmethoden werden insbesondere psychodynamische Kurzzeittherapien, kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren, Hypnosetherapie und das Augenbewegungs-Desensibilisierungsverfahren EMD-R diskutiert. Alle Verfahren haben sich in verschiedenen Studien als effektiv erwiesen.

    Die Konzeption der Psychodynamischen Kurztherapie von Horowitz verfolgt zwei Ziele: Förderung der Phasen der Traumaverarbeitung durch günstige Beeinflussung der Vermeidungs- und IntusionsphasenArbeit an habituellen, prätraumatischen Abwehrstilen, welche die aktuelle Traumaverarbeitung blockieren können.

    Die Arbeitsziele sind aufeinander abzustimmen wichtig ist zu erwähnen, daß es bei der Bearbeitung der Abwehrstile nicht darum geht, die Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Die Bearbeitung des prätraumatischen Persönlichkeits- und Kontrollstils bezieht wird stets auf das aktuelle traumatische Erlebnis hin fokusiert. Den Schwächen des jeweiligen persönlichkeitstypischen Abwehrverhaltens soll der Therapeut gezielt entgegenwirken. Beispielsweise kann der Neigung zu einem globalen und sehr selektiven Wahrnehmungsstil durch Nachfragen nach Details entgegengewirkt werden. Gegen die Neigung zu kurzschlüssigen Entscheidungen können Interpretationen des Therapeuten den Patienten dazu ermutigen, das Problem noch eine Zeit offen zu halten etc. Kontrollstudien zu diesem Kurztherapieverfahren sind ermutigend. In einem kontrollierten Vergleich mit systematischer Desensibilisierung, Hypnosetherapie und einer unbehandelten Kontrollgruppe erwies sich das Verfahren als ebenso wirksam wie die anderen Verfahren.

    Grundannahme der kognitiv-behavioralen Behandlung ist, dass die PTBS-Symptomatik weitgehend erlernt und konditioniert ist. Umlernen und Dekonditionierung bilden daher den zentralen therapeutischen Ansatzpunkt. Wichtigster Bestandteil der verhaltenstherapeutischen Komponente der Intervention ist die gezielte Konfrontation mit dem Trauma bzw. den damit verknüpften Gedanken und Gefühlen. Üblicherweise wird der Patient gebeten, in der Therapie das Trauma wiederholt zu durchleben (Konfrontation in sensu) und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle zu schildern. Dies wird auf Band aufgenommen und der Patient hört sich seine Schilderungen daheim mehrfach an. Eine andere Möglichkeit ist die Konfrontation in vivo, wo der Patient z.B. mit dem Therapeuten den Ort des Geschehens aufsucht. Die kognitive Komponente der Behandlung besteht in der Veränderung und Restrukturierung dysfunktionaler Interpretationen und Schemata, die sich oft im Zusammenhang mit einem Trauma entwickeln. In der Metaanalyse von Solomon et al. (1992) erwiesen sich kognitiv-behaviorale Techniken als vergleichsweise am erfolgversprechendsten zu anderen Verfahren wie beispielsweise psychodynamischen Ansätzen und EMD-R. Dabei ist noch nicht abschließend geklärt, welchen Anteil an der Effektivität dem Einsatz kognitiver Komponenten zukommt.

    Bei der Augenbewegungs-Desensibilisierungs-Technik von Shapiro (1989) handelt es sich um einen neuen Therapieansatz zu Behandlung der PTBS, der seit 1997 durch die APA anerkannt ist und zunehmend an Verbreitung gewinnt. Die in 8 therapeutische Schritte gegliederte Methode enthält neben psychodynamischen und kognitiv-behavioralen Komponenten eine Phase rhytmischer Stimulation in Form bilateraler Augenbewegungen. Während der imaginativen Konfrontation mit den Erinnerungen an das Trauma werden die Patienten gebeten, mit den Augen wiederholt dem Finger des Therapeuten zu folgen, der schnell und gleichmäßig im Gesichtsfeld des Patienten hin und her bewegt wird. Dieses Procedere scheint das ZNS zu stimulieren und den Verarbeitungsprozess beschleunigen.

    Wenngleich kontrollierte Studien die Effektivität dieser Behandlungsmethode nachweisen konnten - wobei die Effekte nicht über die einer üblichen imaginativen Konfrontation hinausgingen - herrscht derzeit noch Unklarheit über die spezifischen Wirkmechanismen. Befunde sprechen dafür, dass sakkadische Augenbewegungen zu den Aufgaben gehören, die das bildliche Gedächtnis und Vorstellungsvermögen dergestalt beeinflussen können, dass die Bilder dem Betroffenen weniger lebendig und naturgetreu erscheinen. Andrade et al. (1997) zeigten, daß als weniger lebendig empfundene Bilder bei Patienten auch weniger extreme emotionale Reaktionen hervorriefen. So gesehen könnte diese Methode insbesondere sehr ängstlichen und übermäßig vermeidenden Patienten zugute kommen. Eschenröder (1995) kommt hingegen zu dem Schluss, daß die Augenbewegung während der imaginativen Aufgabe keine conditio sine qua non darstellt. Vielmehr reiche es aus, wenn sich die Patienten gleichzeitig auf die belastende Vorstellung und eine andere perzeptive oder motorische Aufgabe konzentrieren.

    Hypnose zur Behandlung von PTBS war während des Ersten Weltkrieges eine gebräuchliche und weit verbreitete Therapieform in amerikanischen und deutschen Militärkrankenhäusern. Schon Myers (1940) stellte fest, dass es eine sichere Methode sei, die mentale Reintegration zu fördern und insbesondere mit den dissoziativen Anteilen der Störung zu arbeiten bzw. diese zu "re-synthetisieren". Hypnosetechniken werden seit über 150 Jahren zur PTBS-Behandlung verwendet. Das belegen unzählige Aufzeichnungen und Fallberichte. Sie sind besonders wertvoll im Zusammenhang damit, den Patienten möglichst schonend mit seinen traumatisierenden Erinnerungen zu konfrontieren. Durch Hypnosetechniken erhält er die Möglichkeit, die emotionale und kognitive Nähe bzw. Distanz zu diesen Erinnerungen individuell zu modulieren – z.B. durch das Aufsuchen eines imaginären "Schutzraumes", wenn die Erinnerungen zu bedrohlich werden. Weiterhin ähnelt der Trancezustand während der Hypnose dem dissoziierten Zustand eines Menschen während eines traumatisierenden Ereignisses oder auch den typischen dissoziativen Episoden, die je nach Schwere und Dauer des Traumas noch lange danach unvermittelt auftreten können. Ein geübter Therapeut kann so ganz gezielt während den Therapiesitzungen auftretende dissoziative Episoden nutzen.





       Aktuelle Kursangebote
    Kurse werden demnächst neu terminiert.

       Veröffentlichungen
    Traumaspezifische Fragestellungen im forensischen Kontext. In: Handbuch der Psychotraumatologie Hrsg.: G.Seidler, H.Freyberger, A.Maercker.



    Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche - Aktuelle Befunde in: "Trauma & Gewalt. Forschung und Praxisfelder.", Heft 02/2010, S. 94-104.

    Verhandlungsgegenstand Mensch: Das Phänomen Entführung aus integrativ kriminalpsychologischer Sicht in: "Trauma & Gewalt. Forschung und Praxisfelder.", Heft 03/2008, S. 192-202.


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